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Doppel-"Thema des Monats" Dezember-Jänner: "Sexualität und Krebs"

Mag. Dr. Ursula KÜMMEL


Zusammengestellt von Mag. Dr. Ursula Kümmel, Klinische und Gesundheitspsychologin bei der Österr. Krebshilfe Steiermark.

Liebe trifft Leben - Sexualität und Krebs

Krebs ist eine Krankheit, die schockiert und verängstigt wie kaum eine andere. Im Verlauf einer Krebserkrankung ist ein Paar mit einer Vielzahl an Herausforderungen und Anpassungserfordernissen konfrontiert, die Zeit und Geduld erfordern. Rollen müssen neu verteilt, Ziele und Pläne angepasst, körperliche Veränderungen akzeptiert werden. Eine Krebserkrankung hat oftmals auch spürbare Auswirkungen auf das Sexualleben. Dabei sind es nicht nur die Krankheit und ihre Symptome an sich, die das sexuelle Verlangen beeinträchtigen. Auch die Nebenwirkungen der verschiedenen Behandlungsmethoden wie etwa Chemo- oder Strahlentherapie bringen die Libido aus dem Gleichgewicht. Neben direkten Auswirkungen der medizinischen Behandlung kann Sexualität zudem durch die persönliche Bewertung des veränderten Körpers und durch echte oder vermutete Reaktionen des Partners beeinflusst werden. Auch die seelischen Belastungen in Folge einer Krebserkrankung können sich auf das sexuelle Empfinden auswirken.

Erfüllte Sexualität ist ein elementares menschliches Bedürfnis. Die Ansicht an Krebs erkrankte Personen haben kein Bedürfnis nach Sexualität und Intimität ist falsch: Umfragen zeigen, dass 80% gerne mit einem Experten oder einer Expertin darüber sprechen würden – 91% trauen sich aber nicht! Immer wieder tauchen auch Missverständnisse und Vorurteile über Krebs und Therapien auf – etwa das Krebs ansteckend sein könnte – die das Sexualleben hemmen können.
Besonders in der ersten Zeit der Behandlung rückt das Bedürfnis nach Sexualität oft ganz in den Hintergrund. In dieser Phase, in der die medizinische Therapie und die Auseinandersetzung mit der Krankheit alle Kräfte beanspruchen, ist der Wunsch nach Zärtlichkeit, Geborgenheit und Nähe des Partners oft wichtiger. Mit Besserung des Allgemeinzustandes nehmen die sexuellen Bedürfnisse langsam wieder zu. Kehrt allmählich der Alltag wieder zurück, finden Intimität und Sexualität zunehmend Platz im Leben. Bestimmte Behandlungsformen können die sexuellen Funktionen und Empfindungen jedoch auch dauerhaft oder zumindest über einen längeren Zeitraum hinweg beeinträchtigen.

Darüber hinaus können Therapien zu einer vorübergehenden oder auch dauerhaften Veränderung des Körpers führen (z.B. durch Brustoperationen). Dies hat oft Auswirkungen auf das Selbstvertrauen – es dauert eine Zeit, bis man sich an die veränderte Körperlichkeit gewöhnt hat. Darunter leidet nicht selten auch die Beziehung zum Partner. Die Angst, nicht mehr den gewünschten Anforderungen zu entsprechen, steht oft im Vordergrund und hindert daran Nähe zuzulassen. Betroffene können sich verstümmelt fühlen oder empfinden sich nicht mehr als „richtige“ Frau oder „richtiger“ Mann. Ekelt sich mein Partner, meine Partnerin? Derartige Gedanken führen unausgesprochen zu einer tiefen Verunsicherung sowie Scham und in weiterer Folge zu Reduktion des Begehrens und sexuellem Rückzug. Die neue Situation erfordert viel Vertrauen und Verständnis von beiden Seiten sowie genügend Zeit, sich an mögliche Veränderungen zu gewöhnen und gemeinsam neue Wege zu finden.

Daneben treten Unsicherheiten auf, inwieweit sexuelle Aktivität aus medizinischer Sicht zulässig oder vom Gegenüber gewünscht ist. Auch Untersuchungen können als beschämend oder unangenehm erlebt werden und so den partnerschaftlichen Kontakt hemmen.
Krebs kann dazu führen, dass gewohnte Rituale innerhalb der Partnerschaft und des Sexuallebens umgestellt werden müssen. Nach der Behandlung können Verunsicherungen und Angst vor dem ersten sexuellen Kontakt bestehen. Welche Berührungen sind angenehm? Werden Schmerzen auftreten?
Ein weiterer Grund für den Verzicht auf Sexualität ist oftmals die Sorge, dass Sex schädlich sein beziehungsweise den Heilungsprozess behindern könnte. Für die erste Zeit nach einer Operation gilt: Sprechen Sie mit Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin darüber, ob und wie lange Sie auf sexuelle Kontakte verzichten sollten. Je nach betroffener Körperstelle kann eine vorübergehende Enthaltsamkeit ratsam sein, um den Heilungsprozess nach einem Eingriff nicht zu beeinträchtigen. Im Allgemeinen hat Sex aber keinerlei negativen Einfluss, weder auf den Körper noch auf die Krankheit und deren Verlauf!

Letztlich stellt häufig gerade die partnerschaftliche Kommunikation die größte Herausforderung dar – insbesondere wenn Sexualität ein Tabuthema ist. So stehen Paare im Zuge einer Krebserkrankung vor der Frage: Was hilft uns?

•    Sprechen Sie miteinander! Gerade in Lebensphasen, in denen sich vieles verändert, ist ein offenes Gespräch oft hilfreich. Generell wird in allen Krankheitsphasen ein Kommunikationsstil der vorsichtigen Offenheit empfohlen.

•    Machen Sie sich schlau! Informationen und Wissen über die Erkrankung und deren Behandlung können Ängsten und Unsicherheiten entgegen wirken.

•    Seien Sie selbstbewusst! Auch wenn die Krankheit Spuren hinterlassen hat, ist Selbstakzeptanz bedeutsam. Jeder Mensch – ob gesund oder krank – hat „Mängel“.

•    Es gibt kein Richtig und kein Falsch! Partnerschaftliche Kommunikation hilft bei mangelnder Libido, Unwohlsein beim Geschlechtsakt, Scham oder Schuldgefühlen und ermöglicht ein Verstehen, Akzeptieren und Bewältigen.

•    Befriedigen Sie sich selbst! Masturbation ist eine natürliche Möglichkeit, sexuelle Lust zu erleben und die Reaktionen des eigenen Körpers wieder zu entdecken, neu oder besser kennen zu lernen.

•    Seien Sie mutig! Neben Geschlechtsverkehr gibt es eine Vielzahl an anderen erotischen Begegnungen (Massagen, erotische Fantasien, Hilfsmittel usw.). Manche krankheitsbedingten Veränderungen (künstlicher Darmausgang, Operationen am Geschlechtsorgan etc.) schränken Sexualität ein und erfordern Kreativität und Offenheit für  Neues.

Ganz allgemein gilt: Pflegen Sie Ihre Beziehung! Richten Sie den Fokus nicht ausschließlich auf den Sexualakt, sondern versuchen Sie, einander im Alltag nahezukommen. Die Nähe zueinander, physische und psychische Zärtlichkeit, Liebkosungen, Wertschätzung, Aufmerksamkeit und andere Formen der Intimität sind häufig in schwierigen Situationen von ganz besonderer Bedeutung. Ein kleines Kompliment hier und eine kleine Aufmerksamkeit oder Geste dort geben das Gefühl, geliebt, geschätzt und begehrt zu werden. Paare, die die partnerschaftlichen Herausforderungen einhergehend mit Krebs meistern, berichten von einem gemeinsamen Wachsen, von größerer Nähe, mehr Verbundenheit sowie einer Stärkung und Vertiefung der Partnerschaft.


„Eine schwere Zeit ist wie ein dunkles Tor.  –
Trittst du hindurch, trittst du gestärkt hervor.“
Hugo von Hofmannsthal

Quellenverweise:
Kümmel, U., Blach, C. & Jäger, K. (2013). Ich, der Krebs und du – Paarbeziehungen vor dem Hintergrund einer onkologischen Erkrankung. Psychologie in Österreich. Wien: Berufsverband Österreichischer Psychologinnen und Psychologen.
Österreichische Krebshilfe (2012). Sexualität und Krebs. Informationsbroschüre. Wien.
Zettl, S. (2000). Krankheit, Sexualität und Pflege. Hilfestellungen für den Umgang mit einem Tabu. Stuttgart: W. Kohlhammer GmbH.

 

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