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Thema des Monats November "Trauer"

Mag. Kerstin RAUTER

Zusammengestellt von Mag. Kerstin Rauter, Klinische und Gesundheitspsychologin sowie Psychotherapeutin bei der Krebshilfe Steiermark.
 

FORMEN VON TRAUER IM ZUGE EINER KREBSERKRANKUNG

„Nach (langer) schwerer Krankheit geben wir den Verlust unseres lieben Angehörigen bekannt.“....

Wer hat noch nie diese traurigen Worte gelesen und musste unwillkürlich an die Hinterbliebenen  und ihren schmerzlichen Abschied denken. Gerade wenn man seine Liebsten an einer Krebserkrankung verliert, wurde häufig die gemeinsam erwünschte Lebenszeit frühzeitig beendet.
Und man verliert als Angehöriger so unfassbar viel.
Man verliert den gemeinsamen Kampf gegen die Erkrankung, man verliert eine geliebte Person und man verliert die gemeinsamen Wünsche, Träume und Sehnsüchte für die Zukunft. Man nimmt als Abschied von einem Menschen und dem „ungelebten Leben“ miteinander.
Dies ist ein unwahrscheinlich kräfteraubender Prozess. Es gleicht einer Hochschaubahn der Gefühle, herzzerreißender Schmerz wechselt mit Fröhlichkeit und auch Wut auf die Umstände, die es soweit kommen ließen.

Und dieser Prozess beginnt nicht erst mit dem tatsächlich eingetretenen Tod des Lieben. Nein, er beginnt schon in der Zeit der Erkrankung. Es gibt eine vorweg genommene oder antizipatorische Trauer.

Und sobald man an Krebs erkrankt ist, trauert man auch. Im  Krankheitsprozess sieht man seine  körperliche Integrität bedroht, verliert seine bis dato vorhandene Sicherheit in den eigenen Körper und fürchtet sich darum, seine Signale nicht mehr korrekt wahrzunehmen. Man beklagt oftmals den Verlust des „normalen“ Lebens. Der sicherheitsspendende Alltag endet mit der Schockdiagnose Krebs abrupt.
Zudem  betrauert man häufig das Ausscheiden aus Arbeitsstationen, den Abschied von sportlichen Hobbies und leider auch vielfach den Verlust von Freunden. Langjährige Wegbegleiter  wissen oft nicht, wie sie hilfreich und „richtig“ mit den Krebsbetroffenen umgehen sollen und aus dieser Unsicherheit nehmen sie Abstand.

Wie kann ich nun damit umgehen, dass ein für mich wichtiger Mensch aus dem Leben geschieden ist?
Das verlangt nicht „das darüber hinweg kommen“, „damit abschließen“ und „loslassen“, wie es vielfach von Außenstehenden nach einer gewissen Toleranzzeit gefordert wird.
Diese (Rat-)Schläge werden meist von Trauernden als sehr schmerzhaft und überhaupt nicht hilfreich erlebt.

Vielmehr soll der oder die Verstorbene Teil meines Lebens bleiben. Jedoch verlangt die Trauer eine Neudefinition der Beziehung zum geliebten Menschen. Es benötigt ein Integrieren der gemeinsamen positiven Erfahrungen in das noch folgende Leben.

Nach dem Verlust eines geliebten Menschen kann ein weiteres tabuisiertes Phänomen auftreten. Die Sehnsucht des Nachsterbens. Häufig wünschen sich nahe Angehörige nun auch nicht mehr zu leben.
Sie sind des Lebens überdrüssig, tief verzweifelt und sehen für sich vorerst keinen Sinn in einer weiteren Existenz. Diese Phänomene werden mit der Zeit meistens weniger.
Ist das jedoch nicht der Fall, kann Trauer chronisch und somit pathologisch werden.
Man spricht von einer komplizierten Trauer. Sie inkludiert wenig veränderbare Schuldgefühle, extreme Hoffnungslosigkeit, andauernde Symptome der Erregung oder tiefe Depression, psychosomatische Symptome wie Herzstechen, Druck auf der Brust, starker Gewichtsverlust und unkontrollierbare Wut.  Weitere Symptome wären sozialer Rückzug, Vermeidung von Gegenständen und Situationen, die Trauer auslösen könnten, oder hektische Betriebsamkeit.
Auf der gedanklichen Ebene finden sich Zustände der Verwirrung, magisches Denken, Schlafstörungen, Schuld- und Sühnegedanken und problematische Überzeugungen.
Meist weiß die betreffende Person, dass sie die Trauer derzeit nicht bewältigt.

Was aber durchaus als normale Verarbeitung zu bewerten wäre, aber vielen Angehörigen Angst macht, ist das Nicht-Wahrhaben oder Begreifen können, direkt im Anschluss an den Verlust. Wichtig ist hier die zeitliche Nähe zum Tod. Als erste Reaktion erfolgt häufig ein Schock.

Gefühle werden dissoziiert, sie sind plötzlich nicht mehr spürbar. Der Mensch reagiert nur mehr, fühlt sich wie in einem Film, indem er die Handlung nicht beeinflussen kann.

Dies stellt einen Schutzmechanismus der menschlichen Seele dar. Wird uns was zu viel, wird es erst mal abgespalten. Dies erklärt auch, warum es für manche Hinterbliebene vorerst nicht möglich ist zu Weinen. Die Trauer würde sie überschwemmen und so werden Gedanken und Gefühle getrennt.

In der Phase der aufbrechenden Gefühle braucht man viel Zeit und Ruhe. Vertrauen Sie sich Menschen an, auf die sie zählen können und kümmern sie sich gut um sich selbst, nachdem dies eine seelisch, wie körperlich sehr herausfordernde Zeit ist.

Genauso normal ist das Phänomen bei schweren Verlusten, dass jemand die Stimme des verstorbenen Angehörigen oder Freundes hört oder glaubt ihn zu sehen. Das sind Zeichen, dass der geliebte Mensch noch als lebend erinnert wird und der Trauerprozess noch nicht abgeschlossen ist. Auch das Wiedersehen im Traum oder Ratschläge von Verstorbenen einzuholen sind keine Anzeichen einer beginnenden geistigen Erkrankung.

Das Trauern selbst kann manchmal auch mehre Jahre dauern. Es ändert sich jedoch die Intensität der Gefühle und Bewertungen in diesem Prozess. Das ist die Phase der Neuorientierung.
Trotz abgeschlossenen Trauerprozesses ist eine vollständige „Heilung“ oft nicht möglich: die verstorbene Person kommt nicht wieder. Die Lücke bleibt und schmerzt auch nach Jahren.

Um mit all diesen herausfordernden Gefühlen umgehen zu können, wäre die Arbeit mit verschiedenen Ritualen eine Option.  Rituale geben der Trauer eine Gestalt und sie dienen wie bei der Bewältigung von Ängsten und ermöglichen den Ausdruck des Gefühlslebens. Es ist wichtig sich seinen Schmerz und seinen Verlust zu  vergegenwärtigen und auch in irgendeiner Form auszudrücken.

Das können die Rituale sein, die uns Kirchen und Glaubensgemeinschaften anbieten. Es können aber auch ganz individuelle Rituale sein, die ihnen die Möglichkeit geben ihren geliebten Menschen, den notwendigen Respekt und Wertschätzung zu zollen und immer wieder einen definierten Raum in ihren Leben zu geben. Es wird Orte geben, die Ihnen das Gedenken leichter machen und dieses Gedenken muss sicher nicht zwingend an Friedhöfen statt finden. Oftmals sind es Orte, die für Sie und den Verstorbenen eine große gemeinsame Bedeutung hatten oder spezielle Orte in der Natur, in der Sie Ruhe finden können.

Zudem kann das Aufbewahren von symbolischen Objekten hilfreich sein. Mit Hilfe dieser Brückenobjekte oder verbindenden Objekte, kann man als Hinterbliebener die Beziehung zum Verstorbenen äußerlich aufrecht erhalten.

Wichtig ist: Jede Trauer ist anders, je nachdem was oder wen wir verloren haben. Der Schmerz des Verlustes formt unsere persönliche Trauerreaktion. In diesem Sinne...

„...wir werden eines Tages wissen,
dass der Tod uns nie rauben kann,
was unsere Seele gewonnen hat,
denn ihr Gewinn ist eins mit ihr selbst.“

(Rabindranath Tagore)

Die Österreichische Krebshilfe Steiermark wünscht Ihnen für das Betrauern Ihres ganz persönlichen Verlustes viel Kraft.

 

Literatur

Boos, A. (2007). Traumatische Ereignisse bewältigen. Hilfe für Verhaltenstherapeuten und ihre Patienten. Göttingen: Hogrefe.
Dilling, H., Mombour, W. & Schmidt, M.H. (2005). Internationale Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10). 3. Auflage. Göttingen: Verlag Hans Huber.
Langenmayr, A. (1999). Trauerbegleitung. Beratung – Therapie Fortbildung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Pauls, C., Sanneck, U. & Wiese, A. (2007). Rituale in der Trauer. Ellbert & Richter Verlag.
Rehberger, R. (2004). Angst zu trauern. Trauerabwehr in Bindungstheorie und psychotherapeutischer Praxis. Stuttgart: Pfeiffer bei Klett-Cotta.
Worden, J.W. (2007). Beratung und Therapie in Trauerfällen. Ein Handbuch. 3. Auflage. Bern: Huber.
Znoj, H. (2005). Ratgeber Trauer. Information für Betroffene und Angehörige. Göttingen: Hogrefe.
Znoj, H. (2004). Komplizierte Trauer. Fortschritte der Psychotherapie. Göttingen: Hogrefe.)

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