Thema des Monats Juni: Krebs als psychisches Trauma

Zusammengestellt von Bernadette Sattler-Koschar, MSc, Klinische Psychologin und Traumatherapeutin bei der Krebshilfe Steiermark.

Krebs als psychisches Trauma

Die Diagnose Krebs bedeutet für viele Betroffene und ihre Angehörigen weit mehr als eine schwere medizinische Nachricht. Sie kann das Vertrauen in den eigenen Körper, das Sicherheitsgefühl und das bisherige Leben grundlegend erschüttern. Während Therapien und körperliche Behandlung meist im Mittelpunkt stehen, bleiben die psychischen Folgen der Erkrankung häufig lange unbeachtet. Dabei wird eine Krebserkrankung von vielen Menschen als existenzielle Bedrohung erlebt – mit emotionalen Reaktionen, die bis hin zu traumatischen Belastungen reichen können.

Die akute Stressreaktion
Unmittelbar nach der Diagnose kann es zu Symptomen einer akute Stressreaktion kommen. Sie beginnen meist innerhalb von Minuten oder Stunden und klingt nach wenigen Tagen ab. Typische Symptome sind Herzrasen, Zittern, Schwitzen, Atemnot oder Schwindel. Emotional zeigen sich Schock, Angst, Wut, Trauer oder Rückzug. Auch Gefühle von betäubt sein oder Unwirklichkeit sind möglich. Wichtig: Es handelt sich um normale Reaktionen als Antwort auf eine extreme Belastung.

Die akute Belastungsstörung
Halten die Symptome länger als 36 Stunden an, spricht man von einer akuten Belastungsstörung. Zusätzlich können auftreten:
– Wiedererleben der Situation: Zum Beispiel drängen sich Bilder der traumatischen Situation, oder Worte, die man gehört hat, immer wieder auf.
– Vermeidung von Reizen, die an das Ereignis erinnern
– Gefühle von Entfremdung
– starke Angst und innere Unruhe
– erhöhte Schreckhaftigkeit

Die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)
Als mögliche Spätfolge kann sich eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln. Typisch ist das Wiedererleben in Form von Flashbacks oder Albträumen. Intrusionen, d. h. sich aufdrängende Gedanken, Bilder, Erinnerungen könne auftreten. Eine anhaltende Anspannung, Schlaf- und Konzentrationsprobleme zählen ebenso zu den Symptomen der PTBS. Zuletzt ist auch ein Vermeidungsverhalten ein Indikator für eine PTBS: Aus Angst vor belastenden Erinnerungen werden Arztbesuche, Krankenhäuser oder Nachsorgetermine gemieden. Manche Betroffene fühlen sich emotional taub oder innerlich leer. Meistens zeigen sich aber starke körperliche Reaktionen, vor allem dann, wenn an das belastende Ereignis gedacht wird.

Die Diagnose als möglicher Trauma-Moment
Ein Trauma entsteht, wenn ein Ereignis die eigenen Bewältigungsmöglichkeiten überfordert und starke Gefühle von Hilflosigkeit und Ohnmacht auslöst. Besonders Situationen, in denen man sich schutzlos ausgeliefert fühlt, etwa bei der Diagnose, während belastender Behandlungen, durch körperliche Veränderungen oder längerer Isolation im Krankenhaus, können traumatisch wirken. Allerdings entwickelt nicht jede betroffene Person ein Trauma.

Wege der Bewältigung
Unterstützung durch vertraute Menschen und Gespräche können in den ersten Phasen entlastend wirken. Zu jedem Zeitpunkt kann eine psychoonkologische Beratung ratsam sein, um das Erlebte zu verarbeiten und psychische Symptome zu lindern. Ziel ist es für Stabilisierung zu sorgen, um den Alltag wieder besser bewältigen zu können ohne von belastenden Bildern, Gedanken, oder Gefühlen überwältigt zu werden. 
Das Erlebte soll in die eigene Biografie integriert werden, um die Vergangenheit als Realität und Teil des eigenen Selbst zu akzeptieren, die Gegenwart wieder erleben zu können und sich eine Zukunft wieder vorstellbar zu machen.